Ich erzähle meinen Kund*innen seit mindestens drei Jahren, dass sie aufhören sollen, immer die nächste "wichtige" App zu suchen (nein, in Tiktok zu investieren ist ungefähr genauso nachhaltig wie es das in Snapchat oder Second Life war), sondern dass der Gamer-Dienst Discord quasi die Blaupause für das Social Media der Zukunft ist. Es fehlt nur noch die Usability für "alle".

Aber konzeptionell steckt alles drin, was postschriftliche Kommunikationsplattformen ausmacht, die unsere derzeitige Social Media Infrastruktur in den kommenden Jahren ablösen werden.

Wie sieht das konkret aus?

Discord ist auf Echtzeitkommunikation fokussiert und basiert dafür einerseits auf einer der ältesten Formen von Sozialen Medien - dem IRC-Chat - also dem Austausch von möglichst kurzgefassten Schriftmitteilungen und dem neuesten - nämlich Streaming - also der direkten und ständig verfügbaren Übertragung von Stimme und Bild als Broadcast in einem Channel oder als Konferenz in Einzel- und Gruppenchats, was in der Defaultnutzung auch gar nicht gespeichert wird.

Das wichtigste Merkmal ist also, dass nicht statische Texte und Bilder ausgetauscht werden, sondern eine dauerhafte Bild- und Tonübertragung stattfindet. Man ist tatsächlich mit den anderen Channelmitgliedern "in einem Raum", nur dass dieser virtuell ist statt physisch.

Ein Discord-Channel fungiert als Treffpunkt für Peergroups und es gibt in ganz Discord keine öffentliche Timeline. Dh hier wird die soziale Interaktion in Gruppen organisiert und die öffentlichen, statischen Inhalte bleiben auf Youtube oder Twitch (oder den anderen bisherigen "sozialen" Plattformen).

Die Perspektive auf den Nutzer ist eine andere als in den derzeit noch etablierten Plattformen: Du bist - und das ist wie das IRC ein weiterer Rückgriff auf das Internet der neunziger Jahre - für das System nur ein Handle und keine Person. Dein Discordprofil verlangt keine persönlichen Angaben. Es gibt nicht mal die Option, welche einzugeben. Du kannst in unterschiedliche Gruppen (die Channels) und dort jeweils unterschiedlich heißen. Discord hat verstanden, dass Authentizität und Identität nicht durch die Aufhebung von Anonymität erzwungen werden kann.

Die Mitgliederverwaltung in Channels liegt komplett in der Hand der Administratoren. Sie können Berechtigungen für die Mitglieder feinjustieren und anpassen und den Zugang zu ihren Channels extrem genau aussteuern. Zum Beispiel gibt es die Möglichkeit, Nutzer*innen per Link in den Channel einzuladen, solange sie aber nicht als Mitglieder übernommen werden, müssen sie immer den Link nutzen, um den Channel zu betreten. Sobald der Link abläuft oder deaktiviert wird, ist der Zugang wieder gesperrt.

Wer also wissen will, wie in naher Zukunft soziale Netzwerke grundsätzlich funktionieren werden, kann sich dort die Anfänge davon ansehen.

Wird Discord also die Plattform der Zukunft?

Für die, die doch nur wieder nach der "App der Zukunft" suchen: Nicht unbedingt.

Discord hat - ganz aus Versehen, weil es sich auf wirkliche Bedürfnisse einer Zielgruppe konzentriert hat - im Moment die große Chance, sich außerhalb der bisherigen Zielgruppen zu etablieren. Ein Hinweis darauf dass sie das erkannt haben ist die Einführung von Templates, die über die herkömmliche Nutzung für Gamer*innen hinaus geht. Hier finden sich inzwischen (übrigens tatsächlich seit gestern) Templates für Schulklassen, Familien/Freunde, Vereine, Buchclubs usw.

Ich sage dabei allerdings nicht, dass Discord als Plattform das Rennen machen wird, sondern die Prinzipien die drin stecken: Hochflexibel in der Nutzerverwaltung und Gruppengestaltung, vergänglicher Broadcast statt statischer Content als Kommunikationsinhalt per default, always Standby (die Nutzer haben die Anwendung immer im Hintergrund auf "listen", stehen selbst aber auf "mute", so lange sich niemand meldet und chatten will), und - und das ist ein extrem wichtiger Unterschied, weil er das soziale Medium erst wirklich sozial macht - kein bleibender Content.

Es fehlt nur noch noch eine Useroberfläche, die für die breitere Masse leicht erlernbar ist und die Anbindung an das IoT und an Sprachdevices wie Alexa oder Google Home, dann haben wir hier das digitale Kommunikations-Szenario für die kommenden 10 Jahre.

Löst Discord das Privacy-Problem?

Nein, aber es macht - zumindest derzeit - einiges besser.

Es ist natürlich auch wieder eine Plattform. Insoweit ist sie was Privacy angeht nicht anders zu bewerten als Facebook, Twitter oder irgendeine andere zentralisierte Plattform.

Da es ursprünglich eine Gaming Plattform ist hat die App ein paar tiefergehende Zugriffsrechte auf dem Rechner. Sie erkennt zb welche Programme grade am PC laufen - was dem geschuldet ist, dass es Discords Aufgabe als Gamerplattform ist, Mitspieler zu finden und beim Streaming den Ton zu adden. Privacy ist aber tricky, denn die technische Tiefe des Eingriffs ist im Zweifel gar nicht so relevant sondern die Qualität der extrahierten Information: Wenn man vergleicht, dass Discord zwar weiß, dass gerade der Browser geöffnet ist, aber jede Chrome- und Firefox-Erweiterung oder jeder Adblocker weiß, auf welcher konkreten Website man gerade unterwegs ist, ist die Privacy nicht durch Discord gefährdet.

Was Discord natürlich zentral speichert ist, in welchen Channels du unterwegs bist, wer deine Kontakte sind und die Inhalte der Textchats. Technisch kann es also strengstenfalls wie Facebook minus der Streaminginhalte gesehen werden. Praktisch ist es allerdings datensparsamer. Audio und Videochat-Streams werden z.B. zwischen den Clients gepeert, also nicht zentral gespeichert.

Das alles kann sich natürlich ändern. Am Ende ist es eine zentrale Plattform. Und selbst wenn die Betreiber keine entsprechenden Ambitionen haben, kann es ja irgendwann von einem großen Player gekauft werden. OkCupid war auch extrem privacyfreundlich, bis match.com es kaufte...